Donnerstag, 21. April 2005

Über die Beliebigkeit

Es ist schon eine Weile her, da hatte ich beliebig viel Zeit.
Nicht so lange ist es her, dass ich beliebig viel Kraft hatte.
Beliebig viel Geld hatte ich nie :-)

Heute macht mir dieses Wort Kopfzerbrechen. Von einem Begriff, der fast grenzenlose Freiheit ausdrücken wollte, ist es zu einer Zustandsbeschreibung verkommen.

Was ich damit meine? Okay, ein Beispiel:
Jede/r kann heute fast beliebig viele Kontakte übers Internet haben, das hängt nur davon ab, ob man die Telefonrechnung bezahlen kann oder wie lange die Augen mit machen ...
Hat deswegen jede/r beliebig viele Freunde? Ich glaube nicht, ich glaube die Einsamkeit ist größer als je zuvor. Das WWW hat sie nicht abgeschafft, es deckt sie nur zu ....
Selbst der netteste Chat kann imho den direkten, visuell-körperlichen Kontakt auf Dauer nicht ersetzen.
Aber das bringt mich von meinem eigentlichen Thema weg.

Sprache ist beliebig geworden. Eine Aussage kann einen Tag, eine Stunde später schon wieder ganz anders gemeint gewesen sein. Und scheinbar denkt sich kaum jemand was dabei ...
Unter dem Deckmantel der schrankenlosen Individualität, der festen ideologischen Überzeugung, keine persönlichen Einschränkungen mehr zu akzeptieren, ist die Beliebigkeit zur hohen Kunstform geworden und sieht mittlerweile der Heuchelei zum Verwechseln ähnlich.
Unter dem Deckmantel der political correctness bringt kaum jemand mehr ein klares "Ja!" oder "Nein!" heraus, denn das könnte den anderen ja verletzen ... also bleibt jede Aussage der beliebigen Interpretation des anderen überlassen.
Und dann wundern sich die Leute, warum keiner mehr den anderen versteht ....

Die nachdenkliche Blue Lady
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Mittwoch, 20. April 2005

Der "Rottweiler Gottes"

Wer den Daily Mirror kennt, weiß, dass das ein ziemliches Schundblatt ist und viel schreibt, was sonst keiner sagen würde.... Aber ausnahmsweise frage ich mich, ob die Zeitung damit nicht doch ins Schwarze trifft.
Hat Ratzi diesen Vergleich verdient? Wenn er als Papst das durchführt, was er als Kardinal vertreten hat, dann schon ...

Die Bildzeitung titelte: "Wir sind Papst!"
Noch um einiges peinlicher ... aber das ist eben die Bild!

Und seine erste Messe heute? Auf Latein - gut, das kann man noch auf die Tradition schieben. Predigt auf Latein? Er hat sich zum Zweiten Vatikanum bekannt - aber mit der Einhaltung dieser Tradition ging er hinter das Konzil zurück!
Selbst viele Katholiken, vor allem die Frauen, sind sehr, sehr skeptisch ... ich beneide sie nicht, wirklich nicht.

Ich würde ja sagen, Leute, kommt, lasst es, es gibt auch noch andere Wege zum Göttlichen, zum Glauben, aber eines der Kennzeichen des neuen/alten Heidentums ist und war, dass es nicht missioniert - den Ausstieg, den Weg zu einer anderen Sicht auf das, was man nicht sehen, sondern nur fühlen kann, müssen sie schon selbst finden ...
Die Göttin ist geduldig, Sie wartet jetzt seit langer Zeit darauf, dass das Weibliche wieder den ihm zustehenden Platz einnimmt.... :-)

Benedictus, "der Gesegnete", vielleicht ist er in Wahrheit doch in Ihren Diensten, so wie ein Groer, so wie ein Krenn, die viel dazu beigetragen haben, die Dominanz zumindest einer patriarchalen Religion zu brechen - hat eigentlich schon mal jemand "Danke!" zu ihnen gesagt?
Okay, böser Scherz - Entschuldigung!

In diesem Sinne - ein ehrliches Blessed be!
Blue Lady
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Dienstag, 19. April 2005

Ver-Ratzt

In diesen Minuten läuft gerade die Sondersendung der ZIB - Habemus Papam, aber noch weiß niemand, wer es ist. Keine Chance für die Newsfritzen, vorher was herauszufinden, noch nicht mal CNN weiß was.
Tjaaaaaaaaaaa...., 2000 Jahre Erfahrung in der Geheimhaltung sind eben durch nichts zu ersetzen ...

Und? Wer ist es? Tatsächlich der Ratzinger, gegen den in den diversen Weblogs schon einige Stimmen laut geworden sind? Was ist mir alter Heidin rausgerutscht, als ich zum ersten Mal diese Vermutung aus dem Fernsehlautsprecher tönen gehört habe? "Lieber Gott, bitte nicht - kannst du nicht einmal auf dein Bodenpersonal aufpassen?!"
Kann er offensichtlich nicht ....
Fein.
Kommt jetzt der Mikrowellenherd am Stephansplatz? Scheiterhaufen wären out, wegen der Luftqualität ...
War's das jetzt? Geht die Ausgrenzungs-, die Diffamierungspolitik jetzt weiter? Treiben sie noch mehr Menschen aus ihren Armen? Geraten noch mehr Menschen in Glaubenszweifel, verlieren das letzte Bisschen Spiritualität, das ihnen aus Kinder- und Erstkommunionstagen vielleicht noch geblieben ist?
Warum mir das nicht gefällt, die ich doch eigentlich außerhalb, wenn nicht gegen diesen Glauben stehe?
Ziemlich einfach. Jeder Mensch ohne Spiritualität, ohne Glauben ist eine Seele, die diese Welt belastet, ist eine Seele, die sich nicht darum kümmert, welche Wüste sie möglicherweise durch ihre Taten und Gedanken hinterläßt.
An den "Saint sans Dieu" hat vielleicht Albert Camus geglaubt, ich tu mir schwer, auch wenn mir das Konzept gefällt ....
Aber eine Kirche, die durch ihre seltsamen Vorschriften bezüglich Sex und Vermehrung tagtäglich Tausende Menschen zu einem langen, elenden Siechtum und einem grausamen Sterben verurteilt, die die größere Hälfte der Bewohner dieses Planeten immer noch aus jeder geistig-geistlichen Funktion ausschließt und uns Frauen nur knapp eine Seele zugesteht, kann Menschen keinen Halt geben, hat keine Chance gegen Mammon, CocaCola und McDonalds ...
Daran wird weder das strenge Opus Dei noch einer der anderen Orden etwas ändern können, auch dann nicht, wenn sie wieder die Dominikaner auf uns loslassen ...
Ein neuer Johannes XXIII., ein neuer Johannes Paul I., ein Friedens- und Versöhnungspapst, ein Erneuerer, einer der anerkennt, dass es viele unterschiedliche Wege gibt, Glauben zu leben - nicht nur innerhalb des linientreuen, aber vielfach in sich gespaltenen Christentums, auch außerhalb, auch bei denen, die sich von ihrem Partner getrennt haben oder homosexuell sind, oder einem ganz, ganz anderen Glauben angehören - so einer hätte vielleicht eine Chance gehabt, eine Art moralischer Instanz zu sein und tatsächlich die Nachfolge Christi anzutreten - aber sie sind ja nur Nachfolger des Petrus und der hat seinen Meister schließlich dreimal verleugnet ...

*kopfschüttelnd*
Blue Lady
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Montag, 18. April 2005

Handymania Teil 2 oder Saved by SMS

Zur Abwechslung mal was wirklich Witziges - ein guter Lacher für einen verregneten Montag Morgen.
Die Szenerie: Freitag Abend, eine Geburtstagsfeier in einem kleinen Reihenhaus am Rand von Wien.
Die Gäste: ein Freundeskreis, wo jeder jeden kennt, und das seit vielen Jahren.
Die üblichen Themen: Politik, Privates und moderne Technik.
Der Gastgeber führt sein neuestes Lieblingsspielzeug vor - eine Spiegelreflex-Digicam. Ich unterhalte mich mit meinem Sitznachbarn über Sinn und Unsinn von Handys. Er meint, er hätte öfter mal Ärger mit seiner Freundin, weil er seines immer liegenlassen würde, und hätte er es mal mit, dann sei es nicht aufgedreht.
Eine halbe Stunde vergeht.
Ich wandere zum anderen Tisch, unterhalte mich dort mit einer Bekannten. Plötzlich klingelt ihr Handy - nichts wirklich Ungewöhnliches. Sie sucht erst einmal eine Weile rum und sagt dann: "Oh, das war der und der ... der war doch gerade noch da - wo ist er denn hin?" Ich darauf: "Ich habe mich erst vorhin länger mit ihm unterhalten. Vielleicht ist er hinaus in den Garten, frische Luft und so, und die Türe ist zu ...", trabe hilfsbereit wie ich bin zur Eingangstür und schaue hinaus. Nix.
Im Zimmer hinter mir klingelt noch ein Handy, eigentlich erstaunlich, bis jetzt war den ganzen Abend lang Ruh'. Ich höre: "Hey, wo bist du?!" und verzeifeltes Gelächter hinter einer verschlossenen Türe im Vorzimmer, die zu einem manchmal benötigten Ort führt und hin und wieder ziemlich klemmt ....

Kommentar des Befreiten: "Manchmal ist es doch gut, die Dinger in der Hosentasche spazieren zu tragen ... Ich wollt da nicht wild klopfen und brüllen, das wäre ja noch peinlicher gewesen, dann hätten es doch alle gemerkt ...."
Nuja, gemerkt haben die anderen doch was. Sie wussten aber nicht, warum sich da fünf Leute am Boden kringeln vor Lachen ... und wir haben es auch nicht erzählt.

Zusammen mit den beiden, die sich in der U3-Station Stephansplatz treffen wollten und angestrengt mit einander telefoniert haben, während sie Rücken an Rücken im Waggon standen, gehört diese Begebenheit wirklich zu den Abstrusesten zum Thema Hendl.

*immer noch schmunzelnd*
Blue Lady
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Freitag, 15. April 2005

AMS - Alle Mauern Stehen. Black Friday

Wenn ein Künstler, ein Philosoph, ein Psychologe oder gar ein Oppositionspolitiker wissen und erfahren will, was Hoffnungslosigkeit ist, dann empfehle ich einen Besuch beim AMS, dem "Arbeitsmarktservice" ...

Nein, dass wird keine Hetzrede gegen die dort Beschäftigten, die verzweifelt versuchen, mit immer weniger Leuten immer mehr "Klienten zu betreuen". Die können wahrlich nichts dafür. Klar gibt es auch unter denen welche, für die jede(r), der bei der Türe reinkommt und was von ihnen will, sofort ein Mensch zweiter Klasse ist. Aber an den dummen Spruch, dass "wer arbeiten will, auch Arbeit findet", glauben selbst die nicht mehr....
Sie können nichts dafür, dass sie keine Jobs zu vergeben haben, sie können nichts dafür, dass vor allem Frauen irgendwann ganz durch den Rost fallen, solange sie einen Partner haben, der Geld verdient ...
Und wenn sie eine dicke Haut haben, dann deswegen, weil sie sonst dort nicht mehr arbeiten könnten. Dafür, wie es ihnen wahrscheinlich geht, bemühen sie sich eh noch ...

Aber Hoffnung naht! In der Kronenzeitung steht, dass es ganze 100 Mitarbeiter mehr geben soll ... die stehen ja auch sofort zur Verfügung, wenn die Handarbeitslehrerin aus Vorarlberg wieder 1000 Lehrer an den Pflichtschulen entlassen will ... Umverteilen der anderen Art.

Von den Grünen flattert eine bunte Broschüre ins Haus - am 30. April ist Tag der Arbeitslosen. Wie schönt, freut mensch sich, da denkt wenigstens noch jemand an mich... Ein Straßenfest auf Wiens Einkaufstempel ... an einem Samstag. Die Shopper werden sich belästigt fühlen, die Geschäftsleute werden jammern und die Arbeitslosen werden wieder einmal ganz genau wissen, was sie sich alles nicht leisten können... Netter Versuch, Leute, aber die letzten sieben Tage der Arbeitslosen haben nichts gebracht. Jeden Monat werden es mehr Menschen, die nicht wissen, wovon sie leben sollen. Und jeden Monat werden es mehr, vor allem Männer, deren Kinder oder Partnerinnen kaum noch wissen, wie sie aussehen ...

Verwaltete, institutionalisierte Hoffnungslosigkeit - ausgelöst von einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen daran bemisst, wieviel Geld er pro Monat nach Hause bringt. Für Tätigkeiten, die nur in Ausnahmefällen der Sozietät zu gute kommen.

Wenn da nicht bald ein Umdenken in größerem Stil einsetzt, wenn Menschen nicht endlch wieder wissen, dass sie aus sich selbst heraus Wert haben, nicht nur dann, wenn sie Wert schöpfen, dann seh ich schwarz, ganz egal, ob diese Regierung fällt oder nicht.

Blue Lady
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