Mittwoch, 21. September 2005

Die Tage danach

Wenn sich in die Trauer immer mehr Wut mischt, dann weißt du, der Amtsschimmel hat wieder einmal gewiehert ...

Ist das ein so unmöglicher Wunsch, dass eine Mutter ihr Kind begraben möchte, so schnell es geht? Dass ein schwerkranker Grossvater nur noch darauf wartet, am Begräbnis teilnehmen zu können?
Aber nein, da gibt es Vorschriften, Regeln, Paragraphen ... und Unmenschlichkeit.
Sind jene, die sich beruflich mit dem Tod beschäftigen, schon so abgestumpft, dass das Leid der (Über)Lebenden sie nicht mehr interessiert??
Können oder wollen die nicht begreifen, dass ein Loslassen, ein Über-Winden, ein in Stille Trauern erst dann möglich ist, wenn sich die Erde über einem geliebten Toten geschlossen hat?

Aber da passieren Fehler, gehen Berichte nicht weiter, wühlen übereifrige Beamte in deinem Schmerz, bis du beginnst, sie zu hassen, bis du nur mehr den Wunsch verspürst, den Telefonhörer aus der Hand zu legen, dort hin zu fahren und ihnen diese Gleichgültigkeit herauszuprügeln ...

Dieser Schwebezustand raubt jedem die letzte Kraft, die noch verblieben ist.

Und es ist so verdammt österreichisch, was hier läuft.

*fast resigniert*
Blue Lady
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Donnerstag, 15. September 2005

Trost

Was ist das, Trost?

Wie willst du jemanden trösten, die ihren Sohn verloren hat?
Indem du deinen Chef anhaust, dir einen Tag freizugeben, damit du mit ihr / für sie diese ganzen grässlichen Behördenrennereien erledigen kannst?
Indem du hilfst, Zimmerpflanzen aus der Wohnung des Toten zu holen, bevor die auch noch sterben?
Indem du sie einfach wortlos in den Arm nimmst und festhältst, versuchst, ihr Wärme zu geben, wenn sie vor Kälte zittert?

Es ist so eine schwankende Grenze zwischen Hilfe und Mitleid, zwischen jemanden unterstützen wollen und über ihn drüberrennen...

Trauern ist wichtig, Trauern ist gut, Tränen reinigen die Seele. Aber wie zündet man ein Licht wieder an, das das Schicksal ausgeblasen hat?

Blue Lady
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Mittwoch, 14. September 2005

Das Tor ins Licht

Bob Dylan möge mir verzeihen, wenn ich mir eine Zeile aus seinem Song "Joey" ausborge:

"I guess I have to say one last goodbye to the son that I could not save ..."

Leb wohl, mein Kind. Nun werden wir, werde ich niemals erfahren, wie dein Weg weitergegangen wäre. Wir können nur Vermutungen anstellen, mit gedämpfter Stimme darüber reden, den Bildern begegnen, die in uns aufsteigen, wenn die Nacht dunkel wird.
Können Erinnerungen vorbeiziehen lassen, gute und schlechte.

Alles, was mir bleibt, ist mich um die Lebenden zu kümmern, denn für dich kann ich nichts mehr tun - wenn ich es je konnte.

Ruhe in den Armen der Göttin und bewahre mich in deiner Seele, wie ich dich in meiner bewahre.

Blue Lady, die für dich die "Lady in Black" war
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Montag, 12. September 2005

Wahlk(r)ampf

In Deutschland wird gewählt, in Wien wird bald gewählt, in verschiedenen Bundesländern wird gewählt ...
ohje.
Zur Wahl stellen sich die Ewiggleichen, die selben Gesichter, die schon beim letzten und vorletzten und vorvorletzten Mal da waren ... GAR nichts Neues.
Wenn ich ihnen ihre Versprechungen und vollmundigen Aussagen schon beim letzten und vorletzten Mal nicht geglaubt habe, wenn kein einziges Problem gelöst, aber viele Krisen verschärft worden sind in den Jahren seit der letzten Wahl, welchen Grund sollte ich dann haben, dieses Mal irgendjemandem meine Stimme zu geben?!

Eine Neuerung gibt es in Wien: ab sofort sind alle über 16-jährigen wahlberechtigt. An und für sich eine gute Sache. Für mich erschreckender Kommentar einer ansonsten sehr hellen und aufgeweckten 17-jährigen: "Huch, Hilfe, das will ich aber gar nicht! Von denen kann ich doch keinen wählen!! Was soll ich denn da tun?!" Das Mädel hat Recht.
Ich bin schon gespannt auf die Auswertung nach der Wahl, wieviele Jüngstwähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben ...
Ehrlich gesagt fürchte ich mich jetzt schon vor dem Ergebnis.
Und wenn ich dann wieder jemanden, sei es Promi, Politiker oder Normalmensch, übr die Politikverdrossenheit der Jugend schimpfen höre, platzt mir der Kragen! Nix aus dem Angebot ist für einen Menschen mit Hirn und dem Willen, selbiges auch zu verwenden, wirklich wählbar!!!
Weder Programme noch Personen ...

Ich werde zur Wahl gehen, wie ich immer gegangen bin, weil das Wahlrecht ein Recht ist, das mühsam erkämpft wurde, weil Demokratie vielleicht nicht die beste Regierungsform ist, aber immer noch die am wenigsten schlechte Alternative. Ich werde weiß wählen, wie schon ein paar Mal - "Keiner der Obigen!"
Früher hab ich noch gedacht, wenn es genug Weißwähler gibt, dann gibt das vielleicht irgendwann einem von den helleren Köpfen unter den Politikern zu denken.
Inzwischen zweifle ich daran, dass unter denen noch ein heller Kopf ist ... nach ein paar Jahren in den Vorzimmern der "Macht" sind sie alle gleich und austauschbar und haben ihren Idealismus am Eingang zu Parlament oder Rathaus abgegeben ....

*politikverdrossen*
Blue Lady
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Dienstag, 6. September 2005

Volkes Stimme Fest

Einmal im Jahr gibt es in Wien ein seltsames Naturschauspiel.

Am ersten Wochenende im September sammelt sich die Spezies der Linken, Alternativen und Andersdenkenden auf der Jesuitenwiese im Prater. Sie folgen dem Lockruf der KP, einer kaum mehr bekannten, von vielen schon für ausgestorben gehaltenen politischen Gruppierung in Österreich.
Aber sie treffen sich in den letzten warmen Spätsommertagen nicht zum Paarungsflug, um vor Einbrechen des Winters noch einmal Lebensfreude zu zelebrieren, nein, sich treffen sich zum allseits beliebten Bejammern der kläglichen politischen und sozialen Situation im Land. Und ziehen dann wieder nach Hause, voller Stolz darüber, ihrem sozialen Gewissen wieder einmal Luft gemacht und ihre andere, alternative Gesinnung wieder einmal zur Schau gestellt zu haben ... und die nächsten 364 Tage getrost wegschauen zu können.

Ja, ich war auch dort, ja, ich bin genauso wie alle anderen von Standl zu Standl geschlendert, habe Klamotten gekauft und billigen, aber guten Caipirinha getrunken. Aber mir ist zumindest klar, dass das allein an sozialem Engagement nicht ausreicht.

Und wie wir da so entlangschlendern, stellt sich uns wieder einmal die fast unvermeidliche Frage: Wie kann das sein, dass die KP eine der besten Parties in Wien schmeißen, aber sonst so absolut überhaupt nix reißen kann?!
Ist es ein überholtes Konzept, dem sie anhängt? War diese Partei in Österreich jemals neu, originell und nicht überholt? Hat der allgemeine Absturz ihrer Ideologie auch sie mitgerissen? Sind sie zu radikal gewesen und mittlerweile zu hohl? Hat ihnen niemals jemand das Potential zur Veränderung zugetraut?

Ich habe meine Antwort auf einem der KP-eigenen riesigen Transparente gefunden.
"Revolution ist morgen!" stand da.
Alles klar. Kann nicht funktionieren. Denn eigentlich hätte sie schon vorgestern oder mindestens gestern beginnen müssen ...

Blue Lady (leicht rot angehaucht)
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